Von Insel zu Insel – oder: Wieder auf eigenen Füßen

So bedauernd ich mein kleines Inselchen verlassen habe, so sehr freue ich mich schon seit Tagen auf den ganz banalen kleinen Luxus des normalen Alltags, den wir in den vergangenen zwei Monaten entbehren mussten und der mich nun wieder erwartet: ein großes Bett mit bequemer Matratze, ein sauberes Badezimmer mit zuverlässig heißem Wasser, ein paar Quadratmeter ganz für mich allein… Auch wenn es sich anfangs etwas seltsam anfühlt, plötzlich wieder so ganz allein unterwegs zu sein, genieße ich genau das bald in vollen Zügen. Und für diese ersten Tage der Umstellung habe ich den perfekten Ort gefunden: die Insel Kos (südlich von Lipsi, in fast greifbarer Nähe zur Türkei), die ich nach drei Stunden auf einem von den Herbstwellen geschaukelten Katamaran erreiche. Auf dem kurzen Weg vom Hafen zu meinem Airbnb stelle ich zufrieden fest, dass ich diese Insel im Sommer vermutlich niemals betreten würde, jetzt aber genau richtig hier bin. In marmornen Gassen reiht sich Touristengeschäft an Touristengeschäft, zu dieser Jahreszeit mit schweren Rollläden verschlossen, manche von ihnen mitten im Auf- oder Umräumprozess. Die Straßenzüge sind leer, in anderen Dörfern der Insel – so werde ich in den darauffolgenden Tagen feststellen – sogar regelrecht verlassen. Nur die Ladenschilder lassen die Menschenströme erahnen, die sich hier in der Hochsaison durchschieben.

Dafür sind die Inselbewohner jetzt völlig entspannt. Es ist die Zeit des Durchatmens für all diese Inseln und Orte, die zwischen April und Oktober ihre Geschäfte fürs gesamte Jahr machen und in dieser Zeit ohne Pause arbeiten, um in Hotels, Tavernen, Souvenirgeschäften den Feriengästen einen möglichst erfüllenden Aufenthalt zu ermöglichen. Jetzt erholen sich die Besitzer und nutzen die ruhige Zeit, um Reparaturen durchzuführen und langsam die nächste Saison vorzubereiten. Zuweilen kann das fast gespenstische Züge annehmen, wenn Orte, in denen eben noch ein buntes Gewimmel herrschte, jetzt so ausgestorben sind, dass es nicht mal einen offenen Minimarkt gibt. In den Hauptorten der Inseln – wie hier in Kos – entsteht aber eine angenehme Ruhe, die Menschen nehmen sich einfach Zeit. Für mich genau die richtige Stimmung – morgens wache ich in weißen Laken auf, fühle mich nach einem Friseurbesuch wie neu geboren und genieße es, durch die Gassen zu spazieren und mir die antiken Stätten, die es natürlich auch hier gibt, in aller Ruhe anzusehen.

Wanderungen auf den höchsten Inselgipfel und den äußersten Landzipfel im Westen der Insel führen mich für einige Stunden mutterseelenallein durch Wälder und über Felsen. Die einzigen größeren Lebewesen, denen ich begegne, sind etliche Ziegen, die neugierig gucken und am Ende doch verängstigt wegrennen (außer einem Ziegenbock, der mir auf einem Felsen thronend lange nachschaut, als wolle er meinen Weggang sicherstellen). Diese Momente in der Natur, ohne eine andere Menschenseele in näherer Umgebung, sind zwar zuweilen auch eine kleine Herausforderung fürs Selbstvertrauen, aber dennoch oder gerade deshalb umso kraftspendender. Die Luft ist jetzt frischer, die Natur erholt sich von der Sommerhitze und ergrünt, abends wird es kühl. Die Sonne scheint dennoch unentwegt.

Schnell habe ich mich wieder ans Alleinreisen gewöhnt und breche nach einigen Tagen voller Tatendrang zum Hafen auf, um weiterzuziehen. Dazu besteige ich die riesige Fähre, die von Athen aus den gesamten ostägäischen Raum bedient und einmal (fast) alle Inseln abklappert. Als Hauptverkehrsmittel für die Bewohner all der großen und kleinen Inseln, von denen die wenigsten einen Flughafen haben (von dem jetzt im Winter ohnehin fast nichts fliegt) sind die Schiffe – egal ob riesig wie dieses hier oder kleiner wie die, die kürzere Strecken zurücklegen – immer gut besucht. Inzwischen ist für mich, die ich zuvor so gar kein Schiffsmensch war, der Anblick des wuselnden Treibens, das beim An- und Ablegen einer Fähre entsteht, schon fast zur Gewohnheit geworden. Zügig wird angelegt, werden die ankommenden Fahrgäste nach draußen geschickt. Während die zusteigenden Gäste darauf warten, das Schiff betreten zu können, laufen vom Anleger aus schon andere mit Paketen bepackt in den Schiffsbauch, um allerlei Güter auf bereitstehende Paletten zu laden und dann das Schiff wieder zu verlassen: Am jeweiligen Zielhafen der Pakete warten dann schon deren Empfänger und tun es ihren Absendern gleich, um die Pakete in Windeseile hinauszuschaffen, bevor sich die Schiffsklappe wieder schließt und die Reise weitergeht. So wird die Fähre für die Insulaner zum alltäglichen Transportmittel für Dinge, die es auf der einen, nicht (oder nur sehr teuer) aber auf der anderen Insel gibt – seien es Lebensmittel, Bauutensilien oder Elektrogeräte. Auf den kleinen Fähren, die weniger Inseln ansteuern, scheint das fast wie die Routine einer großen Familie, deren Mitglieder sich nicht zuletzt häufig kennen und gegenseitig besuchen oder für Erledigungen auf die Nachbarinsel fahren. Wie anderswo die Bewohner vom einen Dorf ins Nachbardorf fahren, besteigt man hier eben das Schiff, um das dazwischenliegende Wasser zu überqueren, wenn es die Witterung zulässt (was durchaus nicht immer der Fall ist). Ich mag dieses routinierte Treiben, das für mich besonders, für die Menschen hier natürlich völlig banal und alltäglich ist.

So mache ich mich also an diesem Dezemberabend auf den Weg, um wieder Richtung Norden und mit einem nächtlichen Zwischenstopp auf Patmos auf die Insel Samos zu fahren. Da ich hier ja nun letztlich nur wenige Tage verbracht habe, möchte ich mir die Insel doch noch ansehen und verbringe einige Tage in Karlovasi, dem zweitgrößten Ort der Insel an der nordwestlichen Küste, der ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge über die Insel ist. Meine kleine Ferienwohnung lässt zwar, was die Wärme betrifft, etwas zu wünschen übrig (mit dem Heizen haben es die Griechen nicht so…), aber dafür besticht sie mit einem unglaublichen Blick übers Meer. So beginne ich die Tage damit, auf den Balkon hinauszutreten und über ein sattes, nie endendes Blau bis zum Horizont zu schauen. Hätte die Insel nicht auch noch viele andere schöne Flecken zu bieten, könnte ich hier einfach tagelang sitzen und aufs Meer starren.

Samos ist im Vergleich zu den anderen Inseln, die ich kennengelernt habe, sehr bergig und so führen mich Wanderungen zwischen Küste und beeindruckenden Bergzügen entlang und kurze Fahrten in kleine Bergdörfer, von denen aus der Blick über weite Täler bis an die Küste reicht. Neben der atemberaubenden Landschaft begegnet mir aber auch hier auf Samos noch einmal hautnah das Thema Flüchtlinge. Als eine der Hauptinseln, die in der Ägäis von flüchtenden Menschen angesteuert werden, ist die entsprechende Logistik der Insel inzwischen völlig überfordert. Das offizielle Flüchtlingscamp bietet nur für einen Bruchteil der Menschen Platz, die hier täglich ankommen. War das schon in der Gegend sichtbar gewesen, wo die Organisation Archipelagos ihren Sitz hat, verschlägt es mir im Hauptort Vathi komplett die Sprache und ich werde kurzzeitig von Schrecken und Traurigkeit überrollt. So viele Menschen – Frauen, junge Männer, sehr viele Kinder – sitzen oder laufen im Ort herum, um sich die Zeit zu vertreiben. Tausende Menschen, die hier auf dieser Mittelmeerinsel festsitzen, ohne dass ihnen irgendjemand sagen kann, wann sie abreisen können, geschweige denn, wie ihre Zukunft aussieht. Menschen, die nichts zu tun haben, weil man sie in einer meist monatelangen Wartehaltung verharren lässt, und die deshalb durch die Straßen ziehen. Kinder, die eigentlich zur Schule gehen sollten. Junge Männer, die eine Lehre machen könnten. Familien, die darauf warten, irgendwo in weiter Ferne von zu Hause ein neues Leben beginnen zu dürfen. Und demgegenüber so viele Menschen, ja ganze Länder, die sich darum offenbar nicht scheren, ihre Grenzen schließen und die wenigen Nationen, die zufällig am Mittelmeer liegen, mit all diesen Ankommenden allein lassen. Mich macht das traurig und wütend.

Zweieinhalb Monate sind vergangen und ich bin von Insel zu Insel gereist. Kannte ich vorher nur eine einzige griechische Insel (Kreta), war ich inzwischen auf acht weiteren und fühle mich ziemlich wohl zwischen all diesen Landflecken, die jeder für sich ihren ganz eigenen Charakter haben und umspült werden von diesem mächtigen, tiefen, atemberaubenden Meer. Nun geht es weiter und ich mache mich in einem kleinen Propellerflugzeug auf den Weg zurück aufs Festland, wo der Trubel der Hauptstadt auf mich wartet…

D’île en île – ou : Toute seule à nouveau

Autant j’ai regretté de quitter ma petite île, autant j’attends depuis des jours le petit luxe très banal de la vie quotidienne normale que nous manquions ces deux derniers mois et qui m’attend à nouveau : un grand lit avec un matelas confortable, une salle de bain propre avec de l’eau chaude à tout moment, quelques mètres carrés rien que pour moi… Même si cela me semble un peu étrange au début d’être à nouveau toute seule sur la route, j’en profite rapidement au maximum. Et pour ces premiers jours du changement, j’ai trouvé l’endroit parfait : l’île de Kos (au sud de Lipsi, presque à portée de la Turquie), que j’atteins après trois heures sur un catamaran bercé par les vagues d’automne. Sur le court chemin du port à mon Airbnb, je réalise avec satisfaction que je n’entrerais probablement jamais dans cette île en été, mais que maintenant je suis très juste ici. Dans les ruelles marbrées, les boutiques touristiques s’alignent l’une après l’autre, fermées par de lourds volets à cette période de l’année, certaines d’entre elles en plein processus de nettoyage ou de réaménagement. Les rues sont vides, dans d’autres villages de l’île – je le constaterai dans les jours suivants – même désertes. Seules les enseignes des magasins donnent une idée des flux de personnes qui passent par ici pendant la haute saison.

Mais les habitants de l’île sont maintenant complètement détendus. C’est le moment de respirer pour toutes ces îles et ces lieux qui gagnent leur vie pour toute l’année entre avril et octobre et travaillent sans interruption pendant cette période afin de rendre le séjour des vacanciers le plus satisfaisant possible dans les hôtels, les tavernes, les boutiques de souvenirs. Maintenant les propriétaires se rétablissent et profitent de cette période de calme pour faire des réparations et se préparer lentement pour la prochaine saison. Parfois, cela peut sembler presque effrayant de voir ces endroits qui n’étaient qu’une agitation colorée il y a un moment et qui sont maintenant tellement abandonnés qu’il n’y a même pas de minimarché ouvert. Mais dans les villes principales des îles – comme ici à Kos – une tranquillité agréable se crée, les gens prennent juste leur temps. C’est l’ambiance qui me convient – le matin, je me réveille dans des draps blancs, je me sens comme une nouvelle personne après une visite chez le coiffeur et j’aime me promener dans les ruelles et regarder les sites anciens, qui sont bien sûr aussi ici, dans le calme.

Les randonnées vers le plus haut sommet de l’île et la pointe de terre la plus éloignée à l’ouest de l’île m’amènent quelques heures toute seule à travers les forêts et sur les rochers. Les seules grandes créatures que je rencontre sont plusieurs chèvres qui regardent avec curiosité et qui finissent par s’enfuir effrayés (sauf un bouc qui me regarde longuement trônant sur un rocher comme s’il voulait assurer mon départ). Ces moments dans la nature, sans autre âme humaine dans le voisinage immédiat, sont parfois un petit défi pour la confiance en soi, mais néanmoins ou justement à cause de cela, ils sont d’autant plus puissants. L’air est plus frais maintenant, la nature se remet de la chaleur de l’été et reverdit, le soir il fait plus frais. Le soleil brille encore tout le temps.

Je me réhabitue vite à voyager à nouveau seule et après quelques jours, je pars pour le port pour continuer pleine d’énergie. Pour ce faire, j’embarque sur l’énorme ferry qui dessert toute la région de l’Est de la mer Égée depuis Athènes. Comme moyen de transport principal pour les habitants de toutes les grandes et petites îles, dont seulement quelques-unes ont un aéroport (où maintenant en hiver il n’y a quasiment pas de vols de toute façon), les bateaux – peu importe s’ils sont énormes comme celui-ci ou plus petits comme ceux qui couvrent des distances plus courtes – sont toujours bien fréquentés. Entre-temps, pour moi qui n’étais pas une fille de navire auparavant, la vue de l’agitation qui accompagne l’arrivée et le départ d’un ferry est presque devenue une habitude. L’amarrage se fait rapidement, les passagers arrivant sont envoyés à l’extérieur. Pendant que les passagers qui montent à bord attendent de pouvoir entrer dans le navire, d’autres courent déjà chargés de paquets dans le ventre du navire pour charger toutes sortes de marchandises sur des palettes et ensuite quitter à nouveau le navire : Au port de destination respectif, les destinataires des colis attendent déjà et font de même que leurs expéditeurs, afin de les faire sortir rapidement avant que l’écoutille du navire ne se referme et que le voyage ne se poursuive. Ainsi, le ferry devient un moyen de transport quotidien pour les insulaires pour des choses qui sont disponibles sur une île mais pas (ou seulement très chères) sur l’autre – que ce soit la nourriture, les matériaux de construction ou les appareils électriques. Sur les petits ferries, qui se dirigent vers un nombre réduit d’îles, cela ressemble presque à la routine d’une grande famille, dont les membres se connaissent fréquemment et se rendent visite ou font des courses sur l’île voisine. Comme ailleurs les habitants vont d’un village à l’autre, ici on embarque sur le bateau pour traverser l’eau entre les deux, si le temps le permet (ce qui n’est pas toujours le cas). J’aime cette activité routinière, qui pour moi est particulière, et pour les gens ici bien sûr est banale et quotidienne.

Donc, en cette soirée de décembre, je repars vers le nord et avec une escale nocturne à Patmos, vers l’île de Samos. Comme je n’ai passé que quelques jours ici, j’aimerais quand même jeter un coup d’œil sur l’île et je passe donc quelques jours à Karlovasi, la deuxième plus grande ville de l’île, sur la côte nord-ouest, qui est un bon point de départ pour des excursions autour de l’île. Mon petit appartement de vacances laisse un peu à désirer en ce qui concerne la chaleur (les Grecs ne sont pas si friands de chauffage…), mais il captive avec une vue incroyable sur la mer. Je commence donc mes journées en sortant sur le balcon et en regardant un bleu luxuriant et sans fin jusqu’à l’horizon. Si l’île n’avait pas beaucoup d’autres beaux endroits à offrir, je pourrais juste rester assise ici pendant des jours et regarder la mer.

Samos est très montagneuse par rapport aux autres îles que j’ai pu connaître, alors des randonnées me mènent entre la côte et d’impressionnantes chaînes de montagnes et de courtes excursions en voiture me mènent vers de petits villages de montagne d’où la vue s’étend sur de larges vallées jusqu’à la côte. Outre le paysage à couper le souffle, je rencontre également le sujet des réfugiés ici à Samos. Comme il s’agit d’une des principales îles de la mer Égée, qui sont approchées par des réfugiés, la logistique correspondante de l’île est complètement surchargée. Le camp de réfugiés officiel n’offre de la place qu’à un très petit nombre des personnes qui arrivent ici tous les jours. Si cela avait déjà été visible dans la région où l’organisation Archipelagos est basée, cela me bouleverse complètement dans la capitale Vathi et je suis brièvement submergé par l’horreur et la tristesse. Tant de gens – des femmes, des jeunes hommes, beaucoup d’enfants – sont assis ou se promènent dans le village pour passer le temps. Des milliers de personnes qui sont coincées ici, sur cette île méditerranéenne, sans personne pour leur dire quand elles pourront partir, et encore moins à quoi ressemble leur avenir. Des gens qui n’ont rien à faire parce qu’ils sont laissés en position d’attente, généralement pendant des mois, et qui errent donc dans les rues. Les enfants qui devraient être à l’école. Des jeunes hommes qui pourraient apprendre un métier. Les familles qui attendent qu’on leur permette de commencer une nouvelle vie quelque part loin de chez elles. Et d’autre part, tant de gens, voire des pays entiers, qui apparemment ne s’en soucient pas, qui ferment leurs frontières et laissent les quelques nations qui se trouvent sur la Méditerranée seules avec toutes ces arrivées. Ça me rend triste et me met en colère.

Deux mois et demi ont passé et j’ai voyagé d’île en île. Ayant connu avant qu’une seule île grecque (Crète), j’en ai visité huit autres entre-temps et je me sens tout à fait chez moi parmi tous ces coins de terre, chacun avec son caractère unique et baigné par cette mer puissante, profonde et à couper le souffle. Je continue maintenant mon voyage et je repars dans un petit avion à hélice vers le continent, où l’agitation de la capitale m’attend…

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